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6. Schöne Worte hingegen sind nicht zu hören

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von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 9. September 2019

Es ist schon ein Elend mit dieser Dorfskneipe: Bier, das unwillig fließt, Kellner die ihr Trinkgeld im Voraus nehmen, ungenießbare Mahlzeiten –selbstverständlich nichts unter acht Gängen-, blühende Blondinen, die sich freiwillig unter die Hut äußerst rabiater Greisen stellen…

Schöne Worte hingegen sind nicht zu hören.

Nach jedem verlorenen Abend schlurfen wir, müde vom Thekenhängen, nach Hause.

Der Tag war wieder einmal verhängnisvoll. Bei einigen Bierchen ringen wir in unserer Dachstube  bis tief in die Nacht um Kraft und Fassung.

5. Unser Geburtsort

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von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 2. September 2019

Was tropfen die Kerzen so laut? Die Sonne verfinstert sich, und die schweren Wolken ziehen über das Gebirge wie Nebelgeister dahin.

Doch berühren sie den Scheitel der Berge nicht, sie schleichen an ihnen vorüber, als fürchteten Sie ihren schaurigen Inhalt…

Unser Geburtsort macht schon einen etwas düsteren Eindruck, indem ein Dauerregen die alten Gebäude noch unheimlicher erscheinen lässt, und überdies die Burg, die auf dem höchsten Gipfel liegt, in alle Gassen ihren Geistergruß herabwinkt.

Diese natürlichen Lebensgrundlagen haben bestimmt nicht unwesentlich  zu unserem eigenwilligen Sozialverhalten beigetragen.

4. Wir empfinden einen angenehmen Eindruck

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von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 26. August 2019

Wir fragen den Direktor, weshalb er so finster schaue.

Seine Antwort lässt nicht auf sich warten: „Welch Übel und Verfolgung habe ich von Euch Belegschaftern nicht erdulden müssen. Und welches Elend und Unheil habt Ihr nicht über mich gebracht, und welch boshaftes Lügengewebe habt Ihr nicht gegen mich gesponnen! Die von Euch mir zugefügten mannigfachen Übel kann ich der Reihe nach wegen ihrer Menge jetzt nicht aufzählen, weil ich noch vom Kummer meiner Seele umfangen bin.“

Die Bürolampe im Direktionszimmer hört nicht auf ein weiches, mattes Dämmerlicht auszubreiten.

Wir empfinden einen angenehmen Eindruck und fühlen uns so heimisch an diesem Ort, dass wir noch am selben Tag entscheiden, uns künftig dort  immer häufiger aufhalten zu wollen.

3. Mit zu kleinen Laternen

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von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 19. August 2019

Ein Wespenschwarm ist nachts aus irgendeinem Grund in die freudigste Aufregung versetzt und schon erscheinen wir mit zu kleinen Laternen, so dass man mehr hört als sieht.

Wovon träumen wir? Von Elefanten und von Königen, die uns feiern.

Wir haben uns auserwählt, wähnen uns sehr bedeutend und marodieren gern. 153 Scharmützel mit der alten Nachbarin haben wir schon gehabt. Wir sind willensstarke, erfahrene Männer – Männer, die gern überhängende Zweige heimlich abschneiden.

Unsere Sehnsucht nach ehelicher Harmonie schafft eine Weltsicht, die es ermöglicht, voller Empörung zu leben.

2. Das Glück der Armen

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von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 12.08.2019

Obwohl unsere Leistungen und die Lage unseres Weltkonzerns es nicht zulassen, bringen wir unsere Forderung nach mehr Gehalt dem Spartenleiter Personal und sonstige Probleme gegenüber eindringlich zum Ausdruck.

Wir glauben, dass er wohl vernünftig genug sei, eine Ausnahme zu statuieren.

Anfänglich unterhalten wir uns recht gut, aber bei fortschreitender Gesprächsdauer stellt sich zunehmend heraus, dass die Begriffe zu Gehaltserhöhungen für Dritte in seiner Erziehung und Ausbildung offensichtlich schwer vernachlässigt wurden. Er redet über Bescheidenheit, Selbstbesinnung, über die Erhabenheit des Weltalls, die Andacht in der Natur. Er steht auf und hält uns die weit ausgestreckten Arme entgegen: “Ein Rausch erfasst mein Herz! Eine Ekstase, die alles Denken aufhebt! Mein Ich versinkt in den Urgrund alles Seins! Begnadet, wer diesen Zustand erlebt! Es ist die Sehnsucht der Einzelseele aus der Sinnlichkeit heraus nach dem unergründlich Höchsten. Jede Kreatur teilt diese Sehnsucht. Ich liebe euch alle, ihr Gotteskinder!”

Als wir sein Büro bereits verlassen haben, hören wir noch, wie er laut jubelnd über das Glück der Armen zu reden beginnt. Wir wissen: das wird nichts mit der Gehaltserhöhung. Bis zur Frühverrentung werden wir jetzt die schwere Last unseres trüben Gemütes zu tragen haben.

1. Die Spielerfäuste

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von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 5. August 2019

Bei uns ähnelt der Fußball dem gängigen insofern, als dass er –was den Ball betrifft- ohne Hände gespielt wird. Ansonsten kommen die Spielerfäuste sowohl in der 1. als in der 2. Spielhälfte recht ausgiebig zum Einsatz.

Ferner kommt es bei uns noch darauf an, während des Spiels die Zahl der Eigentore unter der der Gegentore zu halten. Und wer gewonnen hat, hat verloren.

Schließlich muss das Ende des Spiels abgewartet werden, um den Sieg zu feiern. Dies gilt sowohl für die Spieler der beiden Mannschaften als auch für die Zuschauer.

Bei uns lieben sowohl die Spieler als auch die Zuschauer den Fußball sehr.