TagKurzliteratur Literatur

116. TAG DES LETZTEN GERICHTS

1

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 23. November 2020

In einer schwülen Sommernacht schlagen aus einer Wohnsiedlung plötzlich Klänge an unser Ohr, die auf WDR 4 hindeuten.

Wir geraten in eine heftige Gemütsbewegung.

Mit dem Anheben zum Welthit „Put your Hemd on my shoulder“ holen wir zum großen feurigen Sturm auf die Seele des Volkes aus.

Unsere volle Stimme klingt in die Nacht hinein wie dunkel schwingendes Geläut und gemahnt an den Tag des Letzten Gerichts.

115. TAGESSTAMMTISCH

1

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 23. November 2020

Nach dem Gelage am Tagesstammtisch in unserer Lieblingsspelunke haben wir alle immer einige Mühe, uns gegenseitig auseinander zu halten.

Das Erinnerungsvermögen wacht aber auf, wenn der feinfühlige Wirt uns am Schluß die Getränkegesamtrechnung vorlegt.

114. GRÜNFLIMMERNDE DUNSTGESTALTEN

1

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 16. November 2020

Wir begegnen einem Mädchen, vom Scheitel bis zur Sohle eine Formvollendung.

Weltentrückt lächeln wir und fragen: „Dürfen wir hoffen, Sie liebes Mädchen?“

Maliziös führt sie aus: „Ganz recht, junger Mann, Sie dürfen. Kühle Bergwinde wehen heute, nicht?“  Dabei blickt sie durch uns hindurch, wie durch grünflimmernde Dunstgestalten. Und dann ist sie weg. Wir sehen sie nie wieder.

Unser wacher Geist erfasst sofort, dass ihre Worte vieldeutig sind, daß sie für uns schicksalsträchtig werden könnten. Seitdem sehen wir krank und grämlich aus und will uns das Leben keinen Anlass mehr für heitere Rück-, noch Vorblicke, bieten.

113. ELEMENTAR

1

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 16. November 2020

Wir wollen uns einem gottgefälligen Leben in freiwilligem Reichtum ergeben.

Elementar quillt unser Wunsch nach einer monumentalen Gehaltserhöhung hoch.

112. DER LÖWE IN UNS

1

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 9. November 2020

Der Löwe in uns ist tot. Die ungeteilte Wahrheit über unsere Leiden und Elend wird nicht in unserem Tagebuch erzählt, sondern in unserer Brust verschlossen.

Der Leichengestank reizt uns, haftet uns künftig an. Butterreinfett, Zucker, Eier und Salz sind unsere Hauptspeisen.

Wir bedenken das eigene Ende. Wird man unser Herz am Flussufer vergraben, unseren Leichnam mit Salz einreiben und zum Stausee tragen?

Man wird ihn eher wohl in das nächste Gebüsch werfen, damit auch unsere zweifelhaften Freunde, die Hunde, etwas davon haben.

111. FRAUENGESCHICHTEN

1

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 9. November 2020

Wir versuchen die gähnende Leere unseres Frührentnerlebens mit Briefmarkensammeln und  Frauengeschichten auszufüllen. Haben aber noch viel Leerlauf.

Nehmen jetzt die Zwergkaninchenzucht hinzu. War so eine Idee unseres Lieblingspsychiaters.

103. KLEINES BIERCHEN

1

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 12. Oktober 2020

Ein kleines Bierchen hat uns aus unseren trockenen Überlegungen zum Thema Einkommensteuervermeidung gelockt.

Und uns gleich in die Falle der Biersteuerzahlung tappen lassen.

102. SHIMANO 11-GANG

1

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 5. Oktober 2020

Schon immer waren wir gerne auf unserem Lasten e-Bike mit Shimano 11-Gang Nabenschaltung unterwegs.

Insbesondere dann, wenn die hupenden Feinde sich gerade im dichten Stadtverkehr von zu Hause zur Arbeit oder vice versa quälen.

So richtig Spaß macht es aber, seitdem die wilden e-Scooter-Freunde mitmischen.

Dass wir jetzt seitens des einfachen Fußvolkes anstatt begeisterter Zurufe nur noch hohläugige Blicke ernten, stimmt uns wohl etwas nachdenklich.

101. VERZWEIFELTE

1

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 5. Oktober 2020

In unserem Leben haben wir zweierlei Orientierung: unser Navi und unsere freie Phantasie.

Allenthalben huldigen uns Verzweifelte.

100. HUSTANFALL

1

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 28. September 2020

Nicht gänzlich unwürdige Repräsentantinnen des vollbusigen Geschlechts wollen uns zwecks Heirat verführen.

Wir husten. Wir sind auch wirklich erkältet. Aber nur alleine deswegen ist es nicht immer zu verhindern, dass ein kleiner Hustanfall auch im rechten Augenblick kommt.

Aus unseren maßgeschneiderten Anzügen keucht es immer heftiger, wir geben uns schließlich rückhaltlos.

Sogar bei uns gibt es Mut, wenn’s darauf ankommt.

99. OHRFEIGEN

9

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 28. September 2020

Bei unserer Ankündigung, dass wir beabsichtigen, kurzfristig eine in der Form angemessene, jedoch in der Dimension nicht ganz unerhebliche Gehaltserhöhung zu fordern, knickt das stellvertretende Personaldirektorinchen sogleich zusammen und stürzt uns zu Füßen.

Milde heben wir es auf, verpassen ihm  aber als erzieherische Maßnahme zugleich auch schon mal einige leichte Ohrfeigen.

98. SCHNEIDIG EROBERND

9

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 21. September 2020

Wir haben so ein dunkles Vorgefühl: an irgendeinem undeutlichen Sommerabend im Jahre unseres Herrn Jesus Christus 2022 – am Vorabend der E-Mobilitätära  -werden wir – wie gewohnt – schneidig erobernd in das obere Fach unseres Kühlschrankes greifen.

Und dann sowas: es lässt sich dort kein letztes, einsames Bierchen mehr ergreifen.

Umgehend werden wir uns auf den langen, beschwerlichen Weg zur nächsten E-Tankstelle begeben.

Bei jedem Schritt wird sich aber unsere bange Vorahnung, dass wir dort nicht mehr die geschätzten Tankstellenrettungsbierchen aus der guten alten Verbrennungsmotorzeit, sondern nur noch Teebeutel in der Auswahl “Bio-Hagebutten”, “Vegan-Pfefferminz” und “ruhige Nacht to go” antreffen werden, zunehmend bemerkbar.  Um uns nicht dem harten Tee-Schicksalsrisiko auszusetzen werden wir dann schließlich vorzeitig umkehren und wieder den Heimweg antreten. Jener Abend wird nicht schön werden, aber zumindest erträglich.

97. KURZFRISTIG

9

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 21. September 2020

Im jungen Frührentenalter geben wir bekannt, dass wir zwecks Aufrechterhaltung eines aufwendigen Lebensstils kurzfristig durchgreifende Versuche in der Richtung von Tätigkeiten, die mit Arbeit zu tun haben, zu machen gewollt sind.

Damit leiten wir in sämtlichen, sich im Umkreis befindlichen Arbeitsvermittlungsagenturen und Rentenanstalten eine Zeit allgemeiner Verwirrung ein.

96. BILDER

9

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 14. September 2020

Es war einmal, da waren wir noch jung. Wir malten Bilder – einfach so.

Es wurde aber gedacht, wir seien Künstler. Und es wurde gefragt, was wir mit unseren Bildern denn ausdrücken wollen.

Da gaben wir unseren Bildern einen Titel. Und es wurde gefragt, was wir denn mit dem Titel ausdrücken wollen.

Ja. Jetzt, im reifen Frührentenalter, malen wir nur noch Bilder mit dem Titel “o.T”. Und so lange wir noch nicht gestorben sind, werden wir sehr glücklich leben und noch viele Bilder malen.

95. POTENTIAL

9

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 14. September 2020

Wir sind spontan und unverkrampft. Gerne lassen wir zu, dass das ruhende Potential unseres Lebens sich durch dessen freien Lauf selbst energetisch öffnet.

Und ein bisschen Chaos hat noch nie geschadet.

94. WIR HABEN DURST

9

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 7. September 2020

Aufgepeitscht springen wir nachts aus dem Bett; der Morgen bricht schon an.

Wir haben Durst und trinken ein Bierchen.

“Möge dieses Bierchen heute nicht genügen”, denken wir hoffnungsvoll.

Daraufhin müssen wir wohl wieder beruhigt eingeschlafen sein, wie der Wecker uns später verrät.

93. SINNVERWIRREND

9

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 7. September 2020

Die müde Welt unseres täglichen Stammtischdaseins wird nur von den sinnverwirrend durcheinander huschenden Kellnern belebt, die sich bemühen mit ihren Serviertabletts die Bierchen, die wir uns imstande fühlen zu ertragen, herbeizuschaffen.

Wir sind immer froh, dass der Tag wieder einmal zu Ende gegangen ist und wir uns unseren mühsamen Weg nach Hause bahnen können.

92. SOMMERNACHT

9

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 31. August 2020

Es ist eine schwüle Sommernacht.

Im Bierzelt tobt die Volksmusikantenfrontfrau mit der eigenen Stimme und einer 15-köpfigen Schlagertruppe; einer elektronischen Ziehharmonika mit unsynchronen Schieberegistern werden vom Stargastmusikanten synkopierte Kathedralorgeltöne entlockt.

Musikalische Anspannungen bauen sich auf, deren Entladung uns, noch bevor wir besoffen sind, in die dunkle Nacht hinaustorkeln lassen. Dort rollt hinter den Wolken schon der Donner, bisweilen leuchtet Blitzgeäst auf. Es wird ein kafkaeskes Unwetter geboren.

Seit jener schwülen Sommernacht haben wir die Last eines trüben Gemütes zu tragen.

91. LAUTLOS

9

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 31. August 2020

In unserer 7-Zimmer-Penthouse-Wohnung wandeln wir mit unserer halbvollschlanken Gestalt lautlos auf unseren Espadrilles mit Sisalsohle von einem Zimmer zum anderen. Wenn wir durch die eine Tür zur umlaufenden Terrasse hinausgehen, so geschieht dies nur um etwas später durch die andere Tür wieder hereinzukommen.

Wir sind reich und glücklich und leiden nicht unter großen Passionen.

90. HINWEISE

9

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 24. August 2020

Im reifen Frührentenalter lieben wir es, im Brennpunkt unseres Familienherumgewurschtels salbungsvolle Hinweise auf die eigene Liebenswürdigkeit zu geben.

Dabei erfreuen wir uns immer großen Zuspruchs seitens unseres guten alten Dackels.

Denn der weiß schon, daß wir mal wieder zum Gassi-Gehen mit ihm rausgeschickt werden und er dabei weitere salbungsvolle Hinweise von uns zu Gehör bekommt.

Ja, diese Tierchen sind auch nicht blöd.

89. KINDERMÄDCHEN

8

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 24. August 2020

Wir leben schlicht.

Halten noch nicht einmal ein Kindermädchen.

88. WASSERMELONEN UND HOLLANDTOMATEN

8

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 17. August 2020

Schweine müssen schwimmen lernen, damit in Belgienland die Wassermelonen und die Hollandtomaten nicht aussterben.

So sprechen wir. Durch das Exaltierte unserer Prinzipien fallen wir den Königen sehr unangenehm auf.

Wir erklären ihnen noch, keinen anderen Umgang mehr mit ihnen pflegen zu wollen als über die Polizei und fordern gleichzeitig das Einschreiten der Regierung in alle Angelegenheiten, die täglichen Schwierigkeiten mit der Ehefrau und der Nachbarin nicht ausgenommen.

Wenn auch das nichts bewirkt, wandern wir nach Usbekistan aus. An Gepäck nehmen wir so wenig wie möglich mit, bloß zwei paar Pistolen, eine Vorteilspackung Kondome und einige andere Kleinigkeiten. Sollen diese Könige doch sehen, wie sie mit den von uns zurückgelassenen Problemgegenständen fertigwerden.

87. SOMMERTAG

8

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 17. August 2020


An einem schönen Sommertag im Jahre unseres Herrn Jesus Christus 2020 betreten wir – großflächig untättowiert und die  abstehenden Körperteile völlig unberingt – den freien Boden der städtischen Badeanstallt und spüren die Blicke der Badegäste als zehrendes Feuer im Rücken.

Sofort fühlen wir uns heimisch an diesem Ort und wollen uns dort jetzt häufiger der allgemeinen schweigenden Betrachtung überlassen.

84. BIO-DOPPELWANDVEGANPAPPBECHER

8

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 3. August 2020

Und es hätte so ein herrlicher Sommer werden können …

Mit einem braunen Bio-Doppelwandveganpappbecher Coffee To Go in der einen und dem Handy in der anderen Hand haben wir gerade Starbucks verlassen und streunen jetzt abenteuerlich beschwingt durch die sonnigen Straßen der großen Stadt.

Und dann ein winziger Moment von Unkonzentriertheit. Da schlucken wir schon das Handy herunter und verbrühen uns wenig später beim Whatsappen die Fingerkuppen am heißen Kaffee.

Ehrlich: Coffee To Go von Starbucks – und überhaupt … das ist doch nichts.

83. ERÖRTERUNG

8

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 3. August 2020

Wir finden es nicht leicht, eine ernsthafte Erörterung mit unseren komischen Artgenossen zu pflegen.

Insbesondere, wenn diese nicht unserer Meinung sind.

82. BITTERLICH

8

von Carolus Borromeus in “Unweisheiten aus der Provinz”

Montag, den 27. Juli 2020

Der Gesamtspartenleiter für den nicht-operativen Bereich möchte sein bisher ausschließlich für interne Repräsentationszwecke genutztes Dienstfahrzeug der abgehobenen Mittelklasse jetzt auch nach außen für den Nutzen des Weltkonzerns einsetzen.

Leider zeigt sich das Kundenvolk wenig kooperativ diesem Bestreben des Gesamtspartenleiters für den nicht-operativen Bereich zu entsprechen.

Bei den Terminierungsversuchen der Sekretärin fällt es durch auffälliges Ausweich-, ja sogar Ignoranzverhalten, auf. Bei unangemeldeten Vorfahrversuchen zeigen sich die außenweltlichen Pförtner äußert unwillig und zum Teil rabiat.

Auf der Rückfahrt zur Zentrale seines Weltkonzerns weint der Gesamtspartenleiter für den nicht-operativen Bereich bei Tempo 200 bitterlich. Schritt für Schritt muss er in seinen Hoffnungen zurückweichen und sich künftig wieder tagtäglich mit dem negativen ROI und den ausgereizten  Kostensenkungspotentialen auseinandersetzen.

79. RANDEXISTENZ

7

von P. OPVEA in “Klarstellungen von unterhalb der Hinterbank”

Montag, den 20. Juli 2020

In unserer Lieblingsspelunke trinken wir mit den blonden vollbusigen Rumhängerinnen um die Wette und wiederholen dies so oft, dass wir am Ende immer – eher als sie – den Schlaf mehr als das Trinken brauchen.

Wir werden es wohl nie schaffen, unserer Randexistenz zu einer eigenwilligen Präsenz in der Gefühlswelt dieses merkwürdigen Menschenschlags zu verhelfen.